Ich war ein tierliebes Kind. Intensiv litt ich mit den geschundenen Pferden und hungernden Katzen im Reitverein. Trotzdem erkannte ich bis zu meinem 17. Lebensjahr nicht, dass beides und schließlich auch die Selbstverständlichkeit mit der „ausgediente“ Pferde an den Schlachter verkauft werden, irgendetwas mit mir zu tun hatten. Wenn ein süßes Kälbchen mich sehnsuchtsvoll ableckte oder ich niedliche und kontaktfreudige Ferkelchen mit lustigen Steckdosennasen auf dem Hof eines Onkels zu Gesicht bekam, stellte ich keinen Zusammenhang mit dem Fleisch auf meinem Teller her. Die langen und qualvollen Leidenswege der Tiere werden bestmöglich vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen.
Aber wir können sie herausfinden, wenn wir uns etwas Mühe geben... Genauso ist es mit den Tierversuchen. Auch sie werden heimlich durchgeführt, an Millionen von Tieren, deren Verwandte viele von uns als Haustiere halten.
Als ich die legalen Tierquälereien in unserer humanen Gesellschaft nach und nach entdeckte, fühlte ich mich von Familie, Schule und Gesellschaft getäuscht. Man hätte mich das immense Tierleid eher erkennen lassen müssen. Ich brauchte einige Zeit, um diesen Kulturschock des heimlichen Tiermissbrauchs und meiner Verwobenheit darin zu verarbeiten. Dann studierte ich Tiermedizin – um Tieren besser helfen zu können. Dabei erschlossen sich nie gekannte Einzelheiten, mit deren Hilfe wir Menschen Tiere benutzbar machen. Für den Humanmediziner ist das höchste Gut der Schutz, das Wohlbefinden und das Leben seiner Patienten. Tierärzte sollen Tiere für Menschen benutzbar, passend und den Kunden „Mensch“ zufrieden machen (siehe auch Neues Tierversuchslabor in Hannover). Natürlich müssen sie Tieren auch helfen und das Tierschutzgesetz beachten. Wer sich jedoch das deutsche Tierschutzgesetz genau ansieht, der stellt erstaunt fest, dass es reihenweise Grausamkeiten aufzählt, die wir Menschen den Tieren zufügen dürfen.
Nach Studium und Praktika fand ich vieles, was Tieren zugefügt wird, nicht mehr so schlimm. Schließlich wusste ich, dass es noch viel Schlimmeres gibt! Die Tierversuche stellen dabei meiner Überzeugung nach die absolute Krönung menschlicher Grausamkeit dar. Ich erwarb die Fähigkeit, Mitgefühl zeitweise abzuschalten, die Alternative dazu wäre der Abbruch des Studiums gewesen. Heute kann ich Einzelheiten über Tierversuche lesen, ohne dabei in lähmende Traurigkeit zu versinken. Studium und Berufstätigkeit haben zwar eine Abstumpfung bewirkt, allerdings haben viele überzeugte Tierfreunde keine Ruhe gegeben. Ich musste zwangsläufig jeden Tag ein wenig mehr erkennen, dass wir Tiere nicht benutzen dürfen. Wir müssen sie respektieren, in Ruhe lassen, ihnen helfen, wenn sie Hilfe brauchen und sie vor grausamen, gedankenlosen oder gleichgültigen Menschen schützen.
Wissenschafter beweisen jeden Tag, dass Tiere keine minderwertige Lebensform sind. Sie sind dem Menschen gleichwertige, allerdings hilf- und wehrlose Mitlebewesen auf dieser Erde. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, sie wie Gegenstände zu produzieren und für unsere Zwecke leiden zu lassen. Tiere gehören uns nicht. Diese Tatsachen sind für die meisten von uns zunächst beängstigend, denn niemand kann sich von einer Beteiligung an Tierleid freisprechen. Sich dies bewusst zu machen, scheint mir ausgesprochen wichtig zu sein. Nur so können wir dem Tierleid gezielt entgegenwirken.
Nach 12 Jahren tierärztlicher Tätigkeit konnte ich viele Dinge, die den Berufsalltag der Tierärztin ausmachen, mit meinem Verständnis von einer respektvollen und gerechten Mensch-Tier-Beziehung nicht mehr vereinbaren. Es war ein schleichender Prozess. Durch Diskussionen mit vielen Menschen, die sich für Tierrechte engagieren, dämmerte mir, dass an unserem üblichen Umgang mit Tieren etwas nicht stimmt, dass er zutiefst widersprüchlich ist. Bücher wie „Das Tier in der Moral“ von Ursula Wolf, „Die Befreiung der Tiere“ von Peter Singer, „Warum man Lassie nicht quälen darf“ von Johann Ach, „Sie haben uns behandelt wie Tiere“ von Manfred Karremann und andere bewirkten ein Übriges.
Mittlerweile hatten sich Massen von Tieren, deren Besitzer keine Hilfe für ihre Tiere, sondern deren Tötung wünschten, unter unserem Dach versammelt. Ich wollte mich beruflich unbedingt umorientieren. Da ich bereits seit Jahren Tierschutzunterricht an Schulen erteilte, bot es sich an, in diese Richtung weiterzugehen. Ich arbeite heute Teilzeit für den Verein Ärzte gegen Tierversuche e. V. als Jugendfachfrau und Tierschutzlehrerin und führe auch privat Tierschutzunterricht zu etlichen Themen durch. Außerdem studiere ich Philosophie und Pädagogik. Meine tierärztlichen Kompetenzen nutze ich nur noch für unsere Vereinstiere und Tierschutzveranstaltungen.
Ich wollte nie ein Tierheim führen, denn das allein löst die Probleme der Tiere nicht. Sollten wir nicht die Ursachen für das enorme Tierleid in unserer Gesellschaft angehen, nicht nur Symptome behandeln? Wenn wir uns aus der widersprüchlichen Mensch-Tierbeziehung heraushalten, können wir die Ursachen des Tierleides nicht aus der Welt schaffen. Die Beschränkung auf Tieraufnahme und -vermittlung hat etwas von einem Zahnputzglas, mit dem man Wasser aus einem schwer leck geschlagenen Boot zu schöpfen versucht – ohne zugleich das Leck zu stopfen.
Sogenannte "problematische“ Tiere, die wegen ihres Alters, ihrer Krankheiten oder eines „unpassend“ erscheinenden Verhaltens schwer oder nicht vermittelbar sind, brauchen unsere besondere Aufmerksamkeit. Dabei glaube ich, dass jeder selbst etwas tun muss. Die Tiere können nicht darauf warten, dass „die Anderen“ es tun. Denn im Gegensatz zu allen benachteiligten Menschengruppen können Tiere ja nie selbst für ihre Rechte und gegen Grausamkeit und Unrecht eintreten. Das macht Tierquälerei einfach und ungefährlich.
Wer inmitten von Menschen lebt und/oder arbeitet, die Tierleid zu Gunsten von Menschen normal und zulässig finden, der braucht vermutlich massive Anstöße von außen, um Zweifel an der eigenen Lebens- und Arbeitsweise zulassen zu können. Ich bin dankbar, immer wieder Menschen begegnet zu sein, die nicht müde werden, Tiere als dem Menschen gleichwertige Lebensform zu verteidigen und für ihre Rechte einzutreten. Der Wille, für Tiere nachhaltig etwas zum Guten zu wenden, kann erstaunliche Kräfte freisetzen. Ich wünsche jedem Tierfreund, jeder Tierfreundin, es einmal selbst mit aktivem Engagement zu versuchen. Gemeinsam können wir den Stein ins Rollen bringen. Ich schätze mich ausgesprochen glücklich Personen zu kennen, die sich bei Achtung für Tiere engagieren!