Wenn Pferde sprechen könnten ...

… dann würden viele Pferdehalter, Reiter und Stallbesitzer dabei vermutlich nicht so gut wegkommen. Heinerlein und Balu haben schon viel erlebt. Beide verbringen ihr Rentnerleben zusammen mit fünf anderen Pferden in einem Offenstall. Bevor sie dort gelandet sind, haben sie allerdings eine Reihe Reitvereine und private Pferdeställe kennen gelernt. Von ihren Erfahrungen erzählen sie hier.
Heinerlein und Balu
Balu: Moinmoin, Heinerlein, altes Haus!
Heinerlein: Wiiiiieeeeuuuuuuaaahhhhahahah!!! (Streckt und schüttelt sich) Einen wunderschönen guten Morgen, Baluchen!!
Balu: Na, gut geschlafen?
Heinerlein: Wun-der-baaar! Endlich kann ich richtig ausruhen und entspannen! Ist das gemütlich, wenn ich mich nachts auf die dicke, saubere Strohmatte packe. Endlich kann man weich und trotzdem sauber liegen und rutscht beim Hinlegen oder Aufstehen nicht weg.
Balu: Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Aber wie viele Pferde haben wir in den anderen Ställen gesehen, die nie wenigstens erholsam schlafen können? Sie standen entweder tagein, tagaus auf Beton mit ein paar Strohhalmen drauf oder auf ihrem eigenen Mist. Schon in die üblichen, winzigen Boxen müssten die Zweibeiner nach dem Misten ja mindestens drei Bunde Stroh streuen, damit wir nicht wegrutschen und weich liegen.
Heinerlein: Macht ja keiner, kost´ ja Geld. Viele Pferdebesitzer denken offenbar kaum darüber nach, was es für uns 600 Kilogramm schwere Tiere bedeutet, wenn wir irgendwie versuchen müssen, uns auf hartem Boden hinzulegen: mit unseren knochigen Beinen und dem schweren Körper auf den harten Beton, nur um etwas auszuruhen. Wie schmerzhaft das ist! Viele von uns haben ja sowieso schon schmerzende Beine oder einen kaputten Rücken.
Balu: Deswegen legen sich manche Pferde lieber gar nicht hin. Kein Wunder, dass so viele dauernd krank, teilnahmslos oder gereizt sind. In Käfige eingesperrt sein, im Kreis laufen oder über Hindernisse springen müssen und sich dann noch nicht einmal richtig ausruhen können. Das kann man kaum mit ansehen.
Heinerlein: Jau Schätzchen! So isses! Wir mussten ja auch ´ne zeitlang auf dieser dicken Mistmatte stehen. „Matratze“ nannten die das – hört sich ja gemütlich an. Doch 24 Stunden lang stieg uns der widerliche Gestank von Kot und Urin in die empfindliche Nase.
Balu: Mir wird jetzt noch ganz schlecht, wenn ich an den Mief denke. Der Ammoniak zerstört unsere Atemorgane. Irgendwann sind wir dann "dämpfig" und alle fragen sich, wieso. Hab ich mir da ja auch weggeholt…
Heinerlein: Alle wollen reiten. Jeder, der will, kann sich ein Pferd kaufen, auch wenn er keine Ahnung von Pferden hat oder uns gar nicht mag, sondern nur das Beherrschen eines großen Tieres chic findet. Manche behandeln uns wie leblose Sportgeräte. Es interessiert sie nicht, dass wir Freundschaften untereinander schließen und schrecklich leiden, wenn man uns unsere Freunde wegnimmt. Mir ist es aber nicht egal, wo und mit wem ich zusammen lebe. Manche Reiter stellen uns wie einen toten Gegenstand in eine Ecke und holen uns nur dort raus, wenn sie uns benutzen wollen.
Balu: Viele Pferde werden früh krank. Wenn die Untersuchungen und Behandlungen dann bezahlt werden sollen und sie uns für nichts mehr „benutzen“ können, servieren viele Zweibeiner uns schnell ab. Wer zahlt schon 30 Jahre lang jeden Monat mehrere hundert Euro und dann noch die Tierarztkosten für ein Pferd, das er nicht reiten kann?
Heinerlein: Kaum jemand. Viele Reiter tauschen uns dann lieber gegen ein neues Pferd aus. Beim Pferdehändler oder Schlachter bekommen sie ja noch etwas Geld für uns. Wenn sie uns behalten würden, würden wir stattdessen viel Geld kosten. Da ist die Entscheidung für viele einfach.
Balu: Weißt Du, dass viele Pferde noch einen tagelangen qualvollen Transport ins Ausland erleiden müssen, auch wenn angeblich ein Händler sie gekauft hat? Auch solche Pferde landen oft auf einem Schlachtpferdetransport. Immer wieder werden furchtbare Tierquälereien bei Tiertransporten bekannt. Die Tiere hungern und dursten, sie brechen sich die Beine, werden geschlagen und vieles mehr. Für schwache Pferde oder solche mit Schmerzen ist der Transport besonders schlimm.
Heinerlein: Ja, viele Menschen sagen "davon will ich gar nichts hören, es ist zu grausam". Aber vom Wegsehen wird es für Pferde nicht besser.
Balu: Wenn teure Turnierpferde nicht mehr können, verkauft mensch sie aber auch gerne an Anfänger oder Freizeitreiter, als Voltigier- oder Schulpferde. Da fallen beginnende Lahmheiten nicht so schnell auf wie im Turniersport.
Heinerlein: Denk nur an Wendy. Ihre Leute haben sie als Schulpferd billig an einen Ferienbetrieb verkauft. Viele Feriengäste kennen sich mit Pferden kaum aus und bemerken Wendys schmerzende Beine nicht. Ihr tun beide Vorderbeine weh, weil sie Hufrollenentzündung hat. Deshalb humpelt sie nicht einseitig – eben weil beide Beine wehtun. Man sieht es nur, wenn man sie einige Zeit beim Stehen beobachtet und daran, dass sie ohne Schwung läuft.
Balu: Ja, sie stellte mal das eine, mal das andere Bein nach vorne, um wenigstens zeitweise, wenn sie nicht gerade geritten wird, die Beine nacheinander ein wenig zu entlasten. Aber wer interessiert sich schon so sehr für sie, dass ihm dieses Beine-Vorstellen auffallen würde? Der Knaller ist doch wohl auch, dass die Menschen, wenn wir einseitig lahm gehen, oft sagen: „Mein Pferd lahmt nicht. Es hat nur einen Taktfehler…“
Heinerlein: Ich denke oft an die arme Wendy, *seufz*. Sie war ein so freundliches Pferd. Hat sich von ihren Leuten die ganze Prügelei gefallen lassen, wenn sie die Dressuraufgabe wegen ihrer Rückenschmerzen nicht schaffte. Und sie durfte nie auf die Weide - damit sie sich nicht verletzt, sagten die. Die Tierarztkosten wären so hoch.
Balu: Und Wendy hat deren kleine Tochter immer brav durch die Gegend getragen, obwohl die gar nicht reiten konnte. Wenn Wendy wieder mal Rückenschmerzen hatte und nicht am Zügel gehen konnte, dann hat das kleine, niedliche Mädchen sie an der Longe solange gepeitscht und im Kreis gehetzt, bis Wendy alles egal war und sie ihren Kopf runter genommen hat, auch wenn es weh tat.
Heinerlein: Woher sollte die Kleine auch wissen, wie weh sie Wendy damit tut? Sie hatte das ja so von ihren Eltern gelernt: Anbrüllen, draufhauen, Sporen in die Rippen, Kopf runter schnüren, einsperren. Mit uns Pferden können sie ja alles machen. Manche machen es heimlich, andere machen das ganz offen, weil sie denken, es ist ihr gutes Recht, weil wir ihr Besitz sind. Was meinst Du, wie viele Pferde sich blitzschnell aus dem Staub machen würden, wenn sie ihre Käfigtür selbst öffnen könnten…
Balu: Ja, das stimmt. Ich hätte mich in den letzten Jahren auch manches Mal gerne auf Nimmerwiedersehen

verabschiedet, allein schon wegen der schrecklichen Ställe. Aber nun haben wir doch unser Zweibein fest im Griff. Die spurt doch mittlerweile ganz gut, findest Du nicht?
Heinerlein: Doch, doch, ich bin zufrieden. Steckt aber auch ´ne Menge Arbeit drin!!! Uuiiihh! Es gibt Essen. Wir haben solange gequatscht, da hab´ ich meinen Kohldampf glatt vergessen. Also demnächst müssen wir mal drüber sprechen, was unser Zweibein sich so alles geleistet hat. Wenn ich den Mund voll hab, kann ich nicht reden. Hhhmmm, die erste Portion von unseren 12 Kilo Heu pro Tag!

Balu: Und es riecht wieder so toll! Wunderbar, lecker … mmmmhhhmmschmatz schmatz … Dass wir hier kein … mmmhhhschmatzt … schimmliges, stinkendes Heu vorgesetzt bekommen, ist auch toll und für Pferdeställe keineswegs selbstverständlich. Aber ich kann jetzt nicht mehr reden. Muss essen…
Wir danken Samantha A. C.-Ameler für die Zeichnungen.