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Tierschutz ist Diakonie an den älteren Geschwistern der Schöpfung

Mit freundlicher Genehmigung von Aktion Kirche und Tiere: www.aktion-kirche-und-tiere.de

 

Von Pfr. Dr. Ulrich Seidel, 1. Vorsitzender von AKUT e. V.
Veröffentlicht Juni 08 in „Die Kirche“ Berlin-Brandenburgisches Sonntagsblatt

Die Tierwelt ist kaum ein Thema unter Christen, dabei gibt es außer uns mindestens 20 Millionen anderer Lebensformen, die diesen Planeten mit uns teilen. Sie sind stark im Schwinden, denn ihnen geht es schlecht unter unserer Ägide. Die Tiere sind aber durchaus ein Thema der Bibel und das Christentum muss mit dem Vorwurf leben, weithin taub gewesen zu sein für das „Seufzen der Kreatur“ (Römer 8,22). Von wenigen Ausnahmen, wie Franz von Assisi oder Albert Schweitzer abgesehen, scherte sich unsere Religion kaum um das Wohl und Wehe der Tiere. Ethik und Barmherzigkeit gelten allein dem Menschen. Albert Schweitzer schrieb treffend, dass die philosophischen und religiösen Denker des Abendlandes darüber wachten, „dass ihnen keine Tiere in der Ethik herum laufen“ und so ist es bis heute geblieben.
Unsere menschliche Kultur wäre jedoch ohne die Leistung der Tiere undenkbar. Wir haben sie uns unterworfen und domestiziert. Sie haben unsere Äcker gepflügt, Lasten getragen und Göpel gedreht. Beim Bau der Frauenkirche in Dresden haben die Lastesel mit ihren Arbeitern in der Kirche geschlafen. Christian Morgenstern sprach davon, dass ganze Weltalter voll Liebe notwendig seien, den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten*. Wir haben die Leistungen der Tiere stets in Anspruch genommen, aber nie gefragt, was wir ihnen dafür schuldig sind. Ganz selbstverständlich bezeichnen wir sie kalt und rational allein nach ihrem Zweck: Milchvieh, Pelztiere, Laborhunde, Zugtiere, Schlachtvieh, Zirkustiere und so endlos fort. Viele glauben, dass sie von Gott geschaffen sind, unseren Zwecken zu dienen. „Tiere sind zum Essen da“ – basta, so wie der ganze Vorrat der Natur um des Menschen willen geschaffen ist. Oder sollten Tiere und Natur eine eigene Würde haben, die von uns zu respektieren ist? Empfindsamen Menschen will es als Skandal erscheinen, dass gerade zu den großen christlichen Festen die Schlachthöfe auf Hochtouren laufen und Ströme unschuldigen Blutes fließen.

Ist nicht unser Erlöser in einem Stall geboren – Mensch geworden unter Tieren? Menschlichkeit hat das den Tieren nicht gebracht.
Die christliche Tradition empfindet einen unendlichen Abstand zwischen Mensch und Tier: allein der Mensch ist „Ebenbild Gottes“ und „Krone der Schöpfung“. Ewiges Leben ist ihm allein reserviert. Kommen Tiere überhaupt in den Himmel? Nun: im Paradies sind die Tiere ja auch gewesen, allein der Mensch wurde daraus verwiesen. Also müssten die Tiere doch in Gottes besonderer Nähe sein? Wir haben leider die Tier- und Naturfreundlichkeit des Alten Testamentes nicht weiter geführt. Menschen und Tiere sind gemeinsam am 6. Schöpfungstag geschaffen und empfangen beide den Segen des Schöpfers. Die von uns zur banalen Kindergeschichte degradierte Sintfluterzählung weiß von Gottes Rettungswillen für alle Geschöpfe. Gott schließt gar einen Bund mit allen Lebewesen, die Odem und Seele haben (1. Mose 9,17). Wir haben diesen Bund tausendfach verletzt und die Tiere aus Frömmigkeit und Ethik ausgegrenzt. In der gesamten „Weisheitsliteratur“, einem guten Viertel der biblischen Schriften, wimmelt es nur so von Tieren: von Salomos Sprüchen über Hiob und die Psalmen bis in die Bergpredigt und die Vögel des Himmels… Bileams Eselin kennt Gottes Willen und der große Fisch bringt Jona nach Ninive. Die Tora kennt die Rechte der Tiere. Man soll nicht nur dem Ochsen, der drischt das Maul nicht verbinden (5. Mose 25,4), die Tiere sind selbst in den Gottesfrieden des Sabbats einbezogen. In der Schöpfungsgeschichte finden wir das vegetarische Fundamentalgebot: „Ich habe euch gegeben, alles was da wächst und Samen trägt, das sei eure Speise.“ (1. Mose 1,29). Dieses Gebot wird auch durch seine spätere Einschränkung nicht aufgehoben und ruht in Gottes Willen für die Würde der Tiere.
Das klingt wie aus einer anderen Welt, die gewiss auch nicht vollkommen war. Die tiefste Entwürdigung der Tiere blieb dem industriellen Zeitalter vorbehalten. Um des Profites willen werden sie zur bloßen Ware. Der Sündenkatalog ist endlos: Schweine zu tausenden auf Spaltenböden, die Schwänzen kupiert, um Kannibalismus vorzubeugen. Männlichen Ferkeln werden die Hoden ohne Betäubung herausgeschnitten, des Geschmackes wegen. Die perverseste Delikatesse ist das Spanferkel, ein der Mutter geraubtes Kind. Aber auch die Kälbchen werden sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt. Beide schreien eine Woche nach einander. Die Kälbchen kommen in „Stehsärge“ und werden mit Soja-Mastfutter aus den armen Ländern zur Schlachtreife gepäppelt. Zu Millionen werden andere Tiere in Labors zu Tode gequält: Knochen gebrochen, Schädel geöffnet, verbrüht, dem Menschen zum Segen. „Du armes Schmerzenstier…“, singt Gerhard Schöne.

 

Wären da noch die kirchlichen Verlautbarungen und die sind butterweich. Ja, Tiere sind Mitgeschöpfe, doch der Mensch darf sie nutzen - hat er immer gemacht, aber diese extreme Massenhaltung...? Die nordelbische Kirche hat vor 10 Jahren eine klare Stellungnahme, die die Dinge beim Namen nannte, zurück ziehen müssen. Der Druck der Landwirtschaftslobby war zu groß. Und außerdem: ob Tiere das alles so empfinden wie Menschen? Ist doch fraglich, die haben ja keinen Verstand…

 

Eins ist klar: Tiere können nicht denken wie wir und auch keine Kreuzworträtsel lösen, aber sie stehen uns sehr nahe. Charles Darwin hat es auf den biologischen Punkt gebracht: „Da Menschen und Tiere die gleichen Sinne haben, sind auch die fundamentalen Empfindungen gleich“. Wir müssen lernen, von den Gemeinsamkeiten her zu denken. Darwin hin oder her, schon meine Oma sagte: „…denn es fühlt wie du den Schmerz“. Schmerz! Da sind wir mitten im Christentum, das wie keine Religion der Welt das Leid zu seinem Thema gemacht hat.

 

Jesus und die Tiere – da war doch was! Ist der Gottessohn nicht mit den Tieren in der Wüste gewesen, das Paradies zu erneuern (Markus 1,13)? Hat Jesus nicht den Tempel gereinigt und den grausigen Tieropfern ein Ende gesetzt? Schon die alten Ausleger sahen darin einen Akt der Schonung der Tiere und als Erinnerung hat er seiner Gemeinde nicht das Passalamm, sondern eine frugale Mahlzeit hinterlassen.

 

Christen haben an den Tieren als nahen Verwandten der Schöpfung viel versäumt. Sollten wir die Tierwelt nicht einschließen in unsere Spiritualität, etwa in die Fürbitten der Gottesdienste? Man könnte der „geschundenen Kreatur“ gar einen Sonntag der Passionszeit reservieren. Tierschutz ist Diakonie an den älteren Geschwistern der Schöpfung, die wie wir zum ewigen Leben berufen sind.
Entscheidend sind jedoch unsere Lebensgewohnheiten, die zutiefst mit der Ausbeutung der Tiere verbunden sind. Man sieht dem Fleisch in der Pfanne das Elend nicht mehr an, wenn man es nicht sehen will. Der beste Weg, etwas für die Tiere zu tun, ist, sie vom Speisezettel zu streichen und damit Gottes Schöpferwillen der Genesis zu folgen. Es gibt eine schier unerschöpfliche Vielfalt unblutiger Kost, die uns die Erde schenkt und ein Mehr an Humanität auf dieser Erde hat viel mit dem Erwerb eines anderen Kochbuchs zu tun.

* Vollständiges Zitat: Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten. Christian Morgenstern

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